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    Down Under

    Die Fahrt meines Lebens – ein Motorradabenteuer durch das Outback Australiens.

    Von Kevin Bretschneider, 19 Jahre, Student

    Da steht man also: Allein, in der Mitte des australischen Outbacks. Die letzten 50 Kilometer durch Sand, Schotter und Matsch sowie über kleine und mittlere Dünen sind wie im Zeitraffer verflogen. Mein Blickfeld wird immer geringer, der Kreislauf schwächer – nur der Wille größer. Mir wird langsam bewusst, worauf ich mich eingelassen habe: Ich befinde mich in einer der menschenfeindlichsten Gegenden der Welt, dem australischen Outback. Eine Landschaft, in der sich die Vegetation wenig verändert, Zivilisation kaum existiert und die Freiheit unendlich zu sein scheint.

    Als ich mich vor gut eineinhalb Jahren das erste Mal auf ein Motorrad setzte, ahnte ich noch nicht, wohin mich meine neue Leidenschaft führen wird. Drei Monate nach meinem 18. Geburtstag sitze ich im Flugzeug nach Down Under. Mit Abitur in der Tasche, aber ohne einen Schimmer davon, wie ich meine Zukunft gestalten soll: Studieren oder Ausbildung? Etwas Technisches oder Kreatives lernen? Dann kam mir eine Idee: Ich wollte die Antwort auf meine Fragen bei einer Motorradreise durch Australien finden. In dem als Backpacker-Metropole bekannten Sydney lege ich den Grundstein meines Abenteuers. Durch Zufall stoße ich vor Ort auf das Stellenangebot eines Motorradhändlers: Roland ist ein deutscher Auswanderer, der mich als Detailer einstellt. Über sein Geschäft „Better Bikes“ kaufe ich mir eine ältere Honda CBR 600 F, fahre sie über 10.000 Kilometer durch Australien – und muss sie 300 Kilometer vor meiner Rückkehr wegen einer defekten Zylinderkopf-Dichtung allein zurücklassen. Dennoch fasse ich den Entschluss, wieder zu arbeiten und eine neue geländegängigere Maschine zu kaufen.

    Einige Wochen später steht mein neuer Wegbegleiter vor mir: Eine Suzuki DR 650 aus dem Jahr 2007. Ein Motorrad, das keine Schönheit ist, aber durch zuverlässige, bewährte Technik überzeugt. Genau das richtige Gefährt für eine größtenteils Ein-Mann-Reise auf einigen der gefährlichsten Strecken Australiens. Ich passe die Maschine der bevorstehenden Fahrt an: Selbstgefertigte Halterungssysteme fürs Gepäck, ein Motorschutz aus einem alten Werkzeugkasten und Barkbusters aus einfachen Aluminium-Leisten sollen mir eine bequeme Reise ermöglichen. Ein Vorteil in Australien ist, dass es keinen TÜV wie in Deutschland gibt. Ich kann also mein Motorrad beliebig umbauen – und das für lediglich sieben australische Dollar! Ich suche nach Tankstellen und deren Öffnungszeiten, lese Berichte über Straßenzustände, analysiere Wetterprognosen und Tabellen der Vergangenheit. Außerdem kalkuliere ich Entfernungen, mache mich mit Gefahren durch wilde Tiere vertraut und lege eine grobe Route fest.

    Anfang Mai verabschiede ich mich von Sydney, sitze auf der vollbepackten Suzuki und fahre zusammen mit meinem australischen Arbeitskollegen Rob und seiner BMW über die Blue Mountains in Richtung New South Wales. Dabei zeigt sich das Wetter von seiner schlechten Seite: Bei drei Grad Celsius frieren wir auf den Berggipfeln. Beim Versuch die Finger an Motor zu wärmen, berührt mein Handschuh den Krümmer mit der Folge, dass sich flüssiges Polyester in meine Hand brennt. Ein Grund zum Stoppen? Nein! Vielmehr breitet sich ein angenehmes Gefühl in meinem Körper aus: Man sitzt zwar halb starr vor Kälte, aber mit einem Grinsen im Gesicht auf dem vibrierenden Zweirad. Wenn es etwas wie Freiheit gibt, dann wird es sich so anfühlen, denke ich. Mein Kumpel Rob und ich schlafen im Zelt, wo wir Platz finden: neben ausgetrockneten Flussbetten, seichten Gewässern oder einfach direkt neben der Straße. Abends sitzen wir am Lagerfeuer, essen eine Dose gekochter Bohnen und lassen den Tag Revue passieren. Morgens erkunden wir die umliegenden Ortschaften, die als Versorgungsstationen fürs Outback dienen. Dabei treffen wir auf Australier in Flanell-Hemd, mit Hut und einem unverkennbaren Dialekt.

    Unterwegs verändert sich der Straßenbelag: Von Asphalt über Erde finden wir uns bald im Sand wieder. Das ist für uns schwieriges Terrain, an das wir uns erst gewöhnen müssen. Hat man es jedoch einmal raus, dann fühlt sich die Fahrt auf Sand an wie schweben! Emus, Wildschweine und Unmengen an Vögeln begleiten uns auf unserer Reise, kreuzen die Wege nur knapp vor uns. Sobald die Sonne tiefer am Himmel steht, tauchen sogar Kängurus auf. Ein schönes, aber gefährliches Schauspiel: Erfasst man mit 80 Stundenkilometern Stunde ein solches Tier, dann war‘s das – nicht nur mit der Maschine, sondern auch mit dem Fahrer! Nachdem wir die ersten Outback-Ortschaften hinter uns gelassen haben, setze ich mein Abenteuer allein fort. Denn Rob muss zurück nach Sydney, wo die Arbeit ruft. Für mich beginnt damit der spannende Teil meiner großen Reise: Ich fahre stundenlang auf der roten Erde und sehe im Rückspiegel nichts außer meiner eigenen Staubwolke. Einen Zwischenstopp mache ich nur, um Fotos zu schießen und einen Schluck zu trinken. Ansonsten heißt es: Knie zusammenpressen, und die Hand immer schön am Gas lassen. Täglich lege ich knappe 400 Kilometer oder zehn Stunden auf dem Motorrad zurück. In dieser Zeit kommen mir kaum Autos entgegen, Menschen sehe ich nur an den Zapfsäulen, an denen ich meinen Tank und Ersatzkanister auffülle. Das ist zwar ein unglaubliches Gefühl – aber auch unglaublich gefährlich! Ich erfahre einerseits viel Zuspruch, andererseits auch Warnungen vor schwer befahrbaren Straßen und schlechtem Wetter.

    Auf dem Weg ins Landesinnere passiert es dann: Ich stehe da, durstig – doch ohne Wasser. Mein Kanister muss sich bei einem der Sprünge oder Schlaglöcher gelöst haben. Als ich auf meinem GPS-Gerät sehe, dass es noch etwa 200 Kilometer bis zur nächsten Tankstelle und damit zur Versorgungsstelle sind, fasse ich den Entschluss, der mich fast das Leben gekostet hätte: Ich ziehe meinen Helm auf, drehe an der Zündung und fahre weiter. Kilometer für Kilometer durch hartes Terrain, Dünen hoch und runter – bis ich an den Punkt komme, an dem sich mein Sichtfeld soweit reduziert hat, dass ich im Tunnelblick bin. An die letzten Meter kann ich mich nicht mehr erinnern, vielmehr finde ich mich neben meinem Motorrad sitzend wieder – mit Übelkeit und Schwindel. Drücke ich den Notfall-Knopf des GPS? Nein! Stattdessen reise ich meine Tasche auf, finde zwei Konservendosen Mais, bohre mein Messer durch das dünne Blech und trinke den Maissaft. Erschöpft schaffe ich es an die nächste Tankstelle…

    Mit vollen Reserven fahre ich am nächsten Tag weiter nach Birdsville, dem Tor zur Wüste „Simpson Desert“. Dabei handelt es sich um eine beliebte Route, auf der mehr Verkehr ist als sonst. Die Wege sind jedoch vom kürzlichen Regen matschig, Lastwagen stecken im Schlamm fest, und Geländewagen ziehen sich gegenseitig aus dem Matsch. Für meine Maschine bedeutet das jedoch kein großes Problem: Mit Vollgas schiebt sie mich durch den kniehohen Matsch. Nach den ersten Schlamm-Passagen wird der Weg trockener und fester. Rinder-züchter bitten mich sogar darum, ihre Tiere ein Stück entlang zu treiben – ich lehne nicht ab. Viele enge Kurven und sandige Steigungen überraschen mich, es fällt mir schwer, einen Rhythmus zu finden. Wegen der großen Belastung fülle ich außerdem meinen Ersatzkanister früher auf als bisher. Für den Fall der Fälle habe ich dieses Mal Vorkehrungen getroffen, als ich an einer Tankstelle einen ebenfalls abenteuerlustigen Deutschen in einem alten Geländewagen kennengelernt habe: Er hat mehr als genug Benzin dabei und fährt dieselbe Strecke wie ich. Zu seinem Noteinsatz kommt es tatsächlich zweieinhalb Stunden später: Ich sitze wartend am Straßenrand, habe das Zelt über mein Motorrad gespannt und den Helm auf dem Kopf behalten, um von den ganzen Fliegen nicht verrückt zu werden.

    Am nächsten Tag stehe ich bei Sonnenaufgang auf, packe mein Zelt ein und begebe mich zurück an den Treffpunkt der Wüstenfahrer an der Tankstelle in Birdsville: Der VW-Oldtimer-Club aus Adelaide veranstaltet eine Rallye in der Simpson Desert. Ich schließe mich ihnen an, gebe die Kamera an einen der Beifahrer und fahre zusammen mit rund 20 Oldtimern die Schotterwege entlang. Es ist ein wunderbares Gefühl mit knapp 100 Stundenkilometern auf einen riesigen Sandhügel zu fahren, von den Spuren des Allradantriebs wie auf Schienen getragen und oben von jubelnden Menschen empfangen zu werden. In diesem Moment hat mich selbst der strömende Regen nicht gestört. Wegen des Niederschlags habe ich es zwar nicht geschafft, die höchste Düne der Wüste, Big Red, zu erklimmen – aber ich komme wieder!

    Nach tagelangen Strapazen, Dosenfutter, Wasser- und Hygienemangel renne ich zum Abschluss meines Abenteuers ins offene Meer und spüle den Dreck von meinem Körper. Ich habe es geschafft! Auf dem Großteil der Strecke gab es nur mich, das Motorrad und die unendliche Weite des australischen Outbacks. Es lief nicht alles perfekt, doch ich habe mehr erlebt als ich mir je erträumt habe. Vielmehr zeigte mir die Reise, wie viele Wege offen vor mir liegen – was ich daraus mache, ist allein meine Entscheidung.

    Hier ein paar Eindrücke der Reise in einer Bildergalerie:

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